Wort für Sonntag

Maria Gleißl, Pastoralreferentin

Unglaublich, finden Sie nicht? Unglaublich, was dieser Johannes da redet. Und fast noch unglaublicher, dass die Menschen kommen, um ihn zu hören. Wenn ich mir vorstelle, ich würde Sie als Schlangenbrut betiteln! Mit Applaus bräuchte ich wahrscheinlich nicht rechnen, stattdessen mit Beschwerdebriefen und Protesten und nicht auszuschließen, dass der eine oder die andere die Kirche verlassen oder zumindest nächsten Sonntag nicht wieder kommen würde. Das muss man sich doch nicht antun, oder? Sich anmachen, schwach anreden lassen – wer hat das nötig?

Nun ja, vielleicht Sie oder Du und ich. Nein, nicht nur vielleicht, sondern ganz sicher brauchen wir immer wieder Worte, die uns aufrütteln, aus dem, wie wir am Anfang gesungen haben, „Schlaf der Sicherheit“ [GL 481,2] herausholen. Das Problem nur: Solche Worte auszusprechen, solche Botschaft zu verkünden, zu predigen ist nur die halbe Miete. Das alles nutzt gar nichts, wenn die Predigt auf taube Ohren stößt. Und wer nicht hören will, der stellt sich dann einfach mal taub.

Das tun gerade viele, das tun immer mehr für das, was von kirchlichen Vertreterinnen und Vertretern gesagt wird. Eigentlich passiert genau das Gegenteil von dem, was heute im Evangelium beschrieben wird. Da sind die Menschen in Scharen zu Johannes gepilgert, haben ihm zugehört und dann, das ist fast noch unglaublicher, haben sie ihn gefragt: „Was sollen wir denn tun? Wie sollen wir unser Leben ändern?“ Beim Evangelisten Matthäus schwingen die Fragen mit, die Botschaft des Johannes lässt darauf rückschließen. Ein anderer Evangelist, Lukas, wird da konkreter, was die Fragen der Menschen und die Antworten des Propheten angeht: „Da fragten ihn die Scharen: Was sollen wir also tun? Er antwortete ihnen: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso!“ Es kamen auch Zöllner, um sich taufen zu lassen, und fragten ihn: „Meister, was sollen wir tun?“ Er sagte zu ihnen: „Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist!“ Auch Soldaten fragten ihn: „Was sollen denn wir tun?“ Und er sagte zu ihnen: „Misshandelt niemanden, erpresst niemanden, begnügt euch mit eurem Sold!“ Klingt doch eigentlich gar nicht so schwer, aber ist es halt dann doch. Denn da geht es ans Eingemachte, da wird es ganz persönlich, und da wird es kritisch.

Kritisch ist die Gesamtsituation, in der wir gerade leben, auch, das ist nicht zu leugnen. Wir stürzen quasi von einer Krise in die nächste: Kritisch war es zu Zeiten von Corona, überlagert wurde diese Krise dann vom unseligen Krieg in der Ukraine, durch den die Sorge um den Frieden plötzlich ganz nahegekommen ist, dann folgte der nahtlose Übergang in die Energiekrise. Und durch all diese Krisen hindurch war und ist es kritisch, was den sozialen Frieden in unserem Land angeht. Wir müssen mit Sorge darauf blicken, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet ist. Da wünsche ich mir doch hin und wieder einen Johannes und ich bin froh, dass es auch heute noch Johannesse gibt – innerhalb und außerhalb der Kirche. Das ist im Übrigen auch nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass es die Menschen gibt, die sich nicht scheuen, das, was gesagt werden muss, deutlich zu sagen, und die mit ihren Worten, die Menschen erreichen, in ihnen die Bereitschaft wecken, zunächst einmal zu hören. Das ist der erste Schritt auf dem Weg, zu dem der Advent uns aufruft: den Weg der Umkehr. Darum geht es Johannes, darum stellt er an den Anfang den Satz: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Mit nahezu den gleichen Worten beginnt nach dem Markusevangelium Jesus sein öffentliches Wirken.

Und plötzlich kommt mir eine Geschichte wieder in den Sinn, die im Laufe der Jahrzehnte zu meiner Fastenzeitgeschichte geworden ist. Sie erzählt von einem Mann, der in einem Bummelzug sitzt. Bei jeder Station steckt er den Kopf zum Fenster hinaus, liest den Ortsnamen und stöhnt. Nach vier oder fünf Stationen fragt ihn besorgt sein Gegenüber: „Tut Ihnen etwas weh? Sie stöhnen so entsetzlich.“ Da antwortete er: „Eigentlich müsste ich aussteigen. Ich fahre dauernd in die falsche Richtung. Aber hier ist es so schön warm drin.“ (vgl. Willi Hoffsümmer, Kurzgeschichten 2)

Wir sollen dem Herrn den Weg bereiten, wir sollen tun, was notwendig ist, damit er ankommen kann, ankommen mit seinem Herzensanliegen: Leben in Fülle für alle. Und egal ob wir Christinnen oder Christen sind, egal, ob wir religiöse Menschen sind oder nicht, gleich welche kulturelle Prägung, welches ideologische Denken unser Leben bestimmt – wir können nicht leugnen, dass Leben in Fülle für immer mehr Menschen in immer weitere Ferne rückt. Für immer mehr Menschen stellt sich in diesem Jahr nicht die Frage, Gans oder Fondue an Weihnachten, denn die Preissteigerung bei Lebensmitteln macht solche Überlegungen überflüssig. Da heißt es für viele: schauen, irgendwie über die Runden zu kommen. Und auch die Frage nach Art und Umfang der Weihnachtsbeleuchtung stellt sich neu angesichts steigender Strom- und Energiepreise. Bei nicht wenigen Menschen geht es dann darum, wie kuschelig warm es sein wird.

Aber sollten sich diese Fragen nicht auch neu stellen für die, die sich die Gans nach wie vor problemlos leisten können, die nicht nur den einen Christbaum im Wohnzimmer erstrahlen lassen, sondern deren Häuser und Gärten blinken und leuchten, bei denen es nicht darum geht, die Heizung auf- oder abzudrehen, weil es kein Problem ist, alle Räume angenehm zu temperieren? Um das, was Johannes von seiner Zuhörerschaft gefordert hat, geht es zu allen Zeiten, auch heute: teilen, solidarisch sein, sich einsetzen für eine gerechtere und zukunftsfähige Gesellschaft und Welt. Und dafür reichen keine Lippenbekenntnisse, da müssen den Worten Taten folgen, da heißt es dann durchaus auch mal: Raus aus der Komfortzone! Wir erinnern uns an den Mann im Bummelzug in der verkehrten Richtung. Und die Parallelen zwischen dem Hier und Heute und der Situation, die uns das Evangelium vor Augen führt, gehen noch weiter: Johannes steht in einer Wüstensituation. Und auch wir erleben Wüstenzeiten – ökologisch, gesellschaftlich und in unserer Kirche. Es geht heiß her. Die Lage ist ernst. Aber sie ist nicht hoffnungslos – wenn wir bereit sind zur Umkehr, zum Umdenken, wenn wir uns besinnen. Das würde den Advent noch einmal ganz anders, als er gemeinhin gesehen wird, zur besinnlichen Zeit machen.

Das wünsche ich Ihnen, das wünsche ich uns allen.
Und damit es gelingt wünsche ich uns adventliche Menschen, die mutig und leidenschaftlich wie Johannes zu Umkehr und Veränderung aufrufen – in unserer Gesellschaft und in unserer Kirche.
Ich wünsche unserer Gesellschaft und unserer Kirche adventliche Menschen, die hören und bereit sind zu tun, was die Vision des Jesaja in unserer Welt erfahrbar macht, die bereit sind, junge Triebe zu sein, aus denen neues Leben, Zukunft für alle, wachsen kann.

HL. MESSEN

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5 dezember 2022
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  • Za zm. Eugeniusza Szczuka, rodziców Helenę i Franciszka, dziadków Albertynę i Emanuela Krettek, syna Jerzego, żonę Hildegardę, córkę Marię Przybyla, pokrewieństwo Szczuka-Krettek i zm. kapłanów.
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