Wort für Sonntag

© P. Dr. Gerd Birk SVD

Eine amerikanische Ordensfrau hat ihre Erfahrungen mit einem jungen Mann, den sie die letzten Wochen bis zu seiner Hinrichtung begleitet hat, in einem Buch niedergeschrieben. Das Buch wurde eindrucksvoll verfilmt: „Dead man Walking“. Er hatte mit einem Komplizen ein Liebespaar überfallen, brutal vergewaltigt und erschossen.

Die Ordensfrau gerät wie in ein Eismeer. Die Menschen stoßen sich wie Eisberge, erstarrt in Hass. Die Eltern der ermordeten Jugendlichen können die Grausamkeit an ihren Kindern nicht vergessen und verzeihen. Sie setzen dem Verbrecher zu, wie immer sie können. Der reißt an den Ketten im Gefängnis, will sich rausreden. Er sei durch Drogen total zu gewesen, habe nicht recht mitbekommen, was sein Komplize gemacht habe. Er habe nicht vergewaltigt und geschossen. Die Eltern der Opfer wollten ihn bloß vernichten. Er steigert sich so in Hass gegen sie, dass er am Ende sogar selber überzeugt ist, ihm geschehe Unrecht.

Die Ordensfrau geht mit ihm ins Gericht. Sie hält ihm keine Moralpredigt. Immer wieder kommt sie, schöpft die Besuchszeiten aus, bleibt die letzten Tage ganz in seiner Nähe. Immer wieder mahnt ihre sanfte, mitfühlende Stimme: „Was ist in jener schrecklichen Nacht wirklich geschehen? Du musst dich der Wahrheit stellen, Verantwortung übernehmen für das, was du getan hast.“ Sie geht mit ihm ins Gericht wie eine Schwester, wie ein Engel. Sie begleitet ihn vor das Tribunal der Wahrheit.

Als er seine ungeheure Schuld annimmt, seine Verlorenheit erkennt, zu beten versucht, kann ihm die Schwester im Namen des Evangeliums sagen, dass Gott verzeiht. Ihre Nähe ist die Garantie für das Wort der Vergebung. Der Todgeweihte (dead man) schreitet (walking) in die Todeszelle zu neuem Leben. So insinuiert der Bericht der Ordensfrau. Schon auf die Bahre geschnallt, auf der ihm die tödliche Injektion verabreicht wird, bittet er alle, an denen er schuldig geworden ist, um Verzeihung. Die Eltern der Opfer sitzen mit versteinerten Mienen hinter einer Glaswand und schauen der Hinrichtung zu. Sie treiben weiter im Eismeer.

Die Zumutung des Verzeihens
Wer will es ihnen übelnehmen. Verzeihen kann unmenschlich schwer sein. Es übersteigt manchmal menschliches Vermögen. Und doch verlangt das Evangelium dieses Menschenunmögliche. Versöhnung ist die Nagelprobe des Christseins. Vielleicht wird es ein lebenslanges Ringen mit Gefühlen des Hasses und der Rache im eigenen Herzen. Die Grausamkeit der Verletzung, die Tiefe der angetanen Schmach sollen nicht beiseite geschoben werden. Eingeständnis der Tat und Bitte um Vergebung können erwartet werden, aber die Vernichtung des schuldig Gewordenen darf nicht zur unerbittlichen Forderung im Namen der Gerechtigkeit werden.

Die Zumutung des Verzeihens kann einen Menschen geradezu umkrempeln. Er wird zur neuen Schöpfung. Das kann ein Mensch nicht einfach mit sich machen, das muss er an sich geschehen lassen. Gott ist es, der uns mit sich versöhnt. Wir dürfen vor Gott unsere Rachegefühle bringen, sie aussprechen. Das Buch der Psalmen leitet uns an manchen Stellen dazu an. Aber wir müssen zu ihm rufen, dass er uns vom Krampf und von der Erstarrung in Hass befreit, denn Hass ist Tod, der schlimme Tod, der endgültige Tod. Die Hartherzigkeit entfernt uns unendlich von Gott. Glücklich, wem dann ein Engel geschickt wird, der mit einem ins Gericht geht.

Versöhnung – Gottes Werk
Das Gleichnis im heutigen Evangelium hat eine simple Logik. Wer selber große Barmherzigkeit erfahren hat, darf nicht mehr hartherzig sein. Das sieht jeder ein. Wer aber ohne jeglichen Anlass Unrecht erfuhr, wem das eigene Kind durch verbrecherischen Übermut genommen wurde, wie sollte der nicht Vergeltung fordern? Vergeltung ist niemals ein Weg zur Aufhebung von Schuld. In der Gestalt der unscheinbaren Ordensfrau, die einmal geschwächt unter den körperlichen und seelischen Belastungen der Justizvollzugsanstalt zusammenbricht, die bei einer friedlichen Demonstration mit Kerzen gegen die Todesstrafe gefährlich angepöbelt wird, die nicht Partei ergreift, sondern hörend, mitfühlend, um Verstehen bemüht zwischen den Fronten hin und her wandert – in dieser Gestalt trat mir oft Jesus vor Augen. Er ist umgekommen beim Versuch, das zerrissene Volk Gottes zu versöhnen, das Volk zu erneuern. Wirklich Neues entsteht nur in der Versöhnung. Gott holzt nicht ab, rottet nicht aus. Er bricht nicht das geknickte Rohr (Mt 12,20), das total verkorkste Leben wird ihm nie zum hoffnungslosen Fall. Er spannt alle ein, besteht auf Neugestaltung der Beziehungen: seine neue Schöpfung.

Wer es geschafft hat „dem Bruder von Herzen zu verzeihen“, wem die Versöhnung geschenkt wurde, dem werden die Narben der Verletzungen zu Rubinen, wie ein altes Osterlied den Auferstandenen besingt. Versöhnung ist etwas Unfassbares. Es sollte uns nicht wundern, denn es hat mit Gott zu tun. Da ist er unmittelbar am Werk.

Man stelle sich nur einmal vor, was den Juden zugemutet wird. Die unvorstellbare Grausamkeit, die ihrem Volk angetan wurde, sollen sie verzeihen. Wie soll das deutsche Volk das je wieder gutmachen können? Mit etlichen Milliarden DM ist es nicht getan. Auch wenn wir durch die Gnade der späten Geburt an diesen Greueln nicht beteiligt waren, stehen wir doch im Dienst der Versöhnung, die ein langer Prozess ist, der uns verändern kann.

Wenn wir vor Gott hintreten, steht es uns nicht an, Rechnungen gegeneinander aufzumachen. Wir dürfen ihn nicht zu unserem Parteigänger machen. Uns bleibt auf Geheiß Jesu das Vaterunser: „… und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigem.“

HL. MESSEN

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24 september 2020
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  • Za zm. rodziców Wiktorię i Oswalda Ksol, Różę i Jana Gawlik, brata Henryka, Henryka Helmich, zm. z pokrewieństwa Gawlik-Ksol-Rozga-Niedziela, zm. Urszulę i Józefa Grzesik oraz Różę Pawlik.
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